Ungleichheit im Dialog und die Minderheitenideologie

25Aug09

Drei Ausschnitte aus einem Artikel des Leiters der Abteilung für Religionsphilosophie des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Allerdings kann ein Dialog – ebenso wie alles andere – seinen Zweck nur dann erfüllen, wenn er (wie Hegel es nennt) seinem Begriff entspricht. Die notwendige Voraussetzung dieser Entsprechung im Falle eines beliebigen Dialogs ist die Gleichberechtigung. Im Falle eines religiösen Dialogs ist es die geistlich-gesellschaftliche Gleichberechtigung der Beteiligten. Diese ist aber nicht gegeben, denn unter den drei monotheistischen Religionen, die stets als gleichberechtigt bezeichnet werden, hat das sich vereinigende Europa (in genauer Übereinstimmung mit dem letzten Gebot der bekannten Parabel von George Orwell) es geschafft, das Christentum als eine eindeutig „weniger gleiche“ Religion zu positionieren, die zwei anderen Religionen dagegen als „wesentlich gleichere“ (wobei der Judaismus etwas „gleicher“ als der Islam steht, und die ehemaligen Christen, die zum Islam bekehren, etwas „gleicher“ als die Juden eingeschätzt werden können). Ich vermute, dass diese Tendenz sich auch weiter entwickeln wird.

Außer diesen Religionen sind in Europa, dank allseitiger Unterstützung der Rechte der Minderheiten, auch andere nicht-monotheistische östliche Religionen (vor allem Buddhismus und Hinduismus) sich auf dem Wege zur „größeren Gleichheit“ gegenüber dem Christentum befinden. Was das Christentum betrifft, stellt es weiterhin die Mehrheit auf dem Europäischen Kontinent dar, doch ist diese Mehrheit in den Worten von P. Buchanan „verängstigt“ (in Europa noch mehr als in Amerika).

Gegen die Tatsache, dass sowohl die Juden, als auch die Moslems in Europa mit Erfolg ihre Aufgaben realisieren, „die gleichsten zu sein“ (jede Religion mit ihren jeweils eigenen Mitteln), soll keinerlei Einwand erhoben werden – diese Bestrebungen sind ganz normal und natürlich. Größere Einwände wären sehr wohl gegen die doppelten Standards in der Religionspolitik angebracht, denen die Gestalter des modernen Europas nachfolgen; aber die Herrschenden hielten sich ja schon immer für berechtigt, darüber zu entscheiden, welche von ihren gleichberechtigten Untergebenen „gleicher“ seien. Die größten Einwände werden dabei gegen die Christen selbst vorgebracht, die freiwillig der eigenen „Ungleichheit“ zustimmen.

Allerdings gibt es für das Empfinden dieser Ungleichheit auch objektive Gründe. In Europa stützt sich der Judaismus einerseits auf den Staat Israel und sehr einflussreiche internationale jüdische Einrichtungen, andererseits auf das paneuropäische Schuldgefühl wegen dem Holocaust sowie den Kult der „Minderheiten“, der die wichtigste Grundlage der Ideologie der modernen westlichen Demokratie ausmacht. Der Islam stützt sich auf die Ölmacht der arabischen Staaten, den ihm gegenüber empfundenen Respekt wegen seiner konsequenten „mittelalterlichen Mentalität“ (die den Trägern der „grundlosen“ liberalen Ideologie sicherlich imponiert) sowie seiner Entschlossenheit, sich mit ausnahmslos allen Mitteln durchzusetzen, und wiederum den genannten allgemeinen Kult der Minderheiten, der sich auch auf jene ausweitet, die bereits über alle Chancen verfügen, bald die Mehrheit zu stellen. Was das Christentum betrifft: es gibt keinen europäischen Staat, der seine Politik auf den Schutz christlicher Prioritäten aufbauen würde, wobei selbst die„europäischen Werte“ gegen das Christentum arbeiten (vorwiegend die Menschenrechtsideologie, die davon ausgeht, dass die wertvollsten Menschen eben „die Minderheiten“ seien).

Die Beurteilung dessen, welche Folgen der jetzige Kurs der politischen Korrektheit und die Kapitulation der Christen in Europa bereits in den nächsten Jahrzehnten haben könnte, überlasse ich den Futurologen. Möglicherweise wird die Hauptaufgabe der Christen in Europa sich auf die Bemühung einengen, wenigstens ihre historischen Hauptdenkmäler zu bewahren (was sich auch als schwierig herausstellen könnte, wenn man die rasche Nutzbarmachung des europäischen Raums durch nicht-christliche Religionen bedenkt). Möglicherweise werden die fortschreitende Krise des öffentlichen Ansehens des Christentums und der Zuwachs der Apostasie auch dazu führen, dass die Erbauer des Neuen Europa Geistliche anderer Religionen zur Weihe neuer christlicher Priester und Bischöfe heranziehen werden, beispielsweise bei deren Prüfung auf „Toleranz“ und Ablehnung der „traditionellen Vorurteile“, welche es, wie es bereits jetzt vielen scheint, in anderen Religionen schon längst nicht bestehen… Da es auf dieser Welt nichts gibt, was auf der Stelle stehen bliebe, könnte der Status einer „tolerierbaren Religion“ auch weiter sinken, und es wäre dann durchaus denkbar, dass das Christentum in eine ähnlichen Lage zurückversetzt findet, wie es sie im Römischen Imperium bis Konstantin innehatte – mit dem einzigen Unterschied, dass sein gesellschaftliches Ansehen damals trotz Verfolgung eindeutig hoch gewesen war.

Aus dem Gesagten folgt die Bestätigung des Hauptleitsatzes dieses Artikels: dass die wohlgefällige Stimmung, die auf der Vorstellung beruht, dass eine Religion ihre Position bewahren könne, ohne sich selbst durchzusetzen, also nur, weil sie bereits existiert, vollkommen illusorisch ist. Denjenigen, die glauben, dass Europa ohne besondere Bemühungen trotzdem nicht aufhören würde, christlich zu sein, weil es schon mehrere Jahrhunderte lang christlich gewesen ist, möchte man daran erinnern, dass auch in Russland vor 1917 keiner außer wenigen Hellsehern vermutet hatte, dass das, was geschah, geschehen könnte – und sogar, nachdem es schon geschehen war, glaubten sehr wenige daran, dass es ernsthaft so bleiben könnte.

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4 Responses to “Ungleichheit im Dialog und die Minderheitenideologie”

  1. 1 kirschbaum

    @antifo (?):
    „Was das Christentum betrifft: es gibt keinen europäischen Staat, der seine Politik auf den Schutz christlicher Prioritäten aufbauen würde, wobei selbst die„europäischen Werte” gegen das Christentum arbeiten“:

    Aber überrascht das ? Konnte es denn jemals anders sein ? Europäische Aufklärung mit ihrem Staatsfetisch war in dieser Hinsicht schon immer eine defizitäre: trug sie doch als tyrannischen Keim den antichristlichen Furor schon immer bei sich; nährte sich gleichzeitig von staatlicher Seite parasitär vom Christentum, um es dann wieder verachten zu können: So konnte z.B. so etwas Skurriles wie Schweden enstehen. Auch im Hinblick auf den Islam anworten die meisten Europäer doch mit einer passiven Laizisierung, die zwangsläufig schwach auf der Brust sein muss, rechnet man doch weiterhin naiv damit, der Islam müsse doch endlich dasselbe Aufklärungsstadium durchlaufen und wundert sich, daß dieser Schritt ausbleibt.
    Stellt sich dieser Sachverhalt aus orthodoxer Sicht anders dar ?
    Dort hatte man doch z.B. vor kurzem auf recht interessante Weise eine Umformung des Menschenrechtsbegriffes vorgelegt. Aber ist so ein Diskursbeitrag seitens der Christen, verbunden mit dem Wunsch nach „Gleichberechtigung“, von säkularer Seite überhaupt noch irgendwie erwünscht, wenn derlei weltliche Begriffe sowieso schon auf so mächtige Art und Weise zivilreligiös aufgeladen sind ?

    Hier eine pragmatische amerikanische Antwort auf die oben beschriebene Problematik:
    „Christianity loves a crumbling empire.“
    „In an age when the government becomes the principal agent of religious intolerance, any church worth the name will become a center of resistance and a sanctuary for guerrillas of all stripes.“:
    http://sipseystreetirregulars.blogspot.com/2009/03/christianity-loves-crumbling-empire.html

    • Aber überrascht das ? Konnte es denn jemals anders sein ? Europäische Aufklärung mit ihrem Staatsfetisch war in dieser Hinsicht schon immer eine defizitäre: trug sie doch als tyrannischen Keim den antichristlichen Furor schon immer bei sich; nährte sich gleichzeitig von staatlicher Seite parasitär vom Christentum, um es dann wieder verachten zu können: So konnte z.B. so etwas Skurriles wie Schweden enstehen. Auch im Hinblick auf den Islam anworten die meisten Europäer doch mit einer passiven Laizisierung, die zwangsläufig schwach auf der Brust sein muss, rechnet man doch weiterhin naiv damit, der Islam müsse doch endlich dasselbe Aufklärungsstadium durchlaufen und wundert sich, daß dieser Schritt ausbleibt.

      Keine Widerrede von meiner Seite. Hinsichtlich des „tyrannischen Keimes“ könnte man fragen, ob der nicht schon vor der Aufklärung gesäht wurde, aber das führt meist zu Kontroversen zur Kirchengeschichte, die wohl eher spalten würden.

      Stellt sich dieser Sachverhalt aus orthodoxer Sicht anders dar ?
      Dort hatte man doch z.B. vor kurzem auf recht interessante Weise eine Umformung des Menschenrechtsbegriffes vorgelegt. Aber ist so ein Diskursbeitrag seitens der Christen, verbunden mit dem Wunsch nach „Gleichberechtigung”, von säkularer Seite überhaupt noch irgendwie erwünscht, wenn derlei weltliche Begriffe sowieso schon auf so mächtige Art und Weise zivilreligiös aufgeladen sind ?

      Hinsichtlich der Entschlossenheit stellt es sich allemal anders dar. Gerade die russische Orthodoxie hat ja selbst einen 70 Jahre langen Kampf gegen einen nihilistischen Totalitarismus hinter sich. Möglicherweise ist das auch der Grund, weshalb die ROK bei den Menschenrechten sehr souverän auf eine eigenständige Position beharrt und diese auch glänzend verteidigt. Hier z.B. die Antwort von ROK-Theologen auf die Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE):

      http://www.bogoslov.ru/de/text/419609.html

      das zeigt, daß es innerhalb der russischen Orthodoxie nicht nur Gläubige, sondern auch brilliante Denker gibt, denen sehr an der Lufthoheit gelegen ist. Um Lufthoheit könnte man hier genauso ringen, aber scheinbar gibt es nur sehr wenige, die überhaupt verstehen, wozu das gut sein sollte …

      Hier eine pragmatische amerikanische Antwort auf die oben beschriebene Problematik:
      „Christianity loves a crumbling empire.”
      „In an age when the government becomes the principal agent of religious intolerance, any church worth the name will become a center of resistance and a sanctuary for guerrillas of all stripes.”

      Eine lebendige Kirche ist immer auch eine kämpfende Kirche. Das Gegenteil davon ist eine sergianistische Kirche d.h. eine Kirche, die sich als Erfüllungsgehilfe eines Staates sieht, der den Glauben eigentlich bekämpft …

      Hier noch ein anderer recht aufschlußreicher Text zum gleichen Thema:

      „Eine Kultur, die sich dem Kult entgegenstellt, verliert das Recht Kultur genannt zu werden“: Ein Interview mit Bischof Ilarion (Alfejew)
      http://www.bogoslov.ru/de/text/354090.html


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