Liebesgrüße aus Moskau

20Sep09

Derzeit häufen sich die Artikel und Berichte über den Beginn des Zweiten Weltkrieges und die Person Stalins in auffallender Weise. Sie meinen, das wäre normal, weil dieser Krieg vor 70 Jahren eben begonnen hat? Das wäre naiv, weil dessen Deutung mittlerweile geopolitische Bedeutung hat. Hierzu ein Ausschnitt aus dem Artikel Putin und Medwedjew – Moskauer Nuancen in der FAZ vom 18. September:

Putins Darstellung der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs lässt sich in zwei Punkten zusammenfassen: Der Versailler Vertrag war die Ursünde, weil durch ihn eine „große Nation“ gedemütigt wurde. Gemeint ist Deutschland; der auf die Gegenwart bezogene Subtext lautet: Russland fühle sich schlecht behandelt vom Westen, insbesondere von Amerika, und nun gehe es darum, Fehler, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg begangen worden sind, nicht zu wiederholen. Der zweite Punkt: Zwar hat auch die Sowjetunion unter Stalin mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt einen entscheidenden Fehler begangen (der von der russischen Führung mehrfach ausdrücklich verurteilt worden sei), aber davor waren bereits andere Staaten, inklusive Polen, Hitler auf den Leim gegangen – bis hin zum Münchner Abkommen von 1938. Das ist, bis in Details hinein, in die sich Putin vertieft, eine eigenwillige Darstellung der Vorgeschichte des Krieges.

Immerhin gibt Putin zu, dass die Rote Armee den von Deutschland besetzten Ländern nicht die Freiheit habe bringen können, weil sie selbst nicht frei gewesen sei; es stimme auch, dass Moskau diesen Staaten dann das kommunistische System aufgezwungen habe. Aber das sei Geschichte, und zur historischen Wahrheit gehöre, dass die Sowjetunion im Krieg mit 27 Millionen Toten von insgesamt 55 Millionen die meisten Opfer gebracht habe. Man dürfe mit den Katastrophen der Vergangenheit keine polemischen Spiele treiben, sondern müsse in die Zukunft schauen. Dazu gehöre die gleichberechtigte Kooperation aller Staaten.

Weshalb Putins Darstellung zur Vorgeschichte „eigenwillig“ sein soll, beantwortet Günther Nonnenmacher nicht.

Indirekt läßt sich indes herauslesen, daß es daran liegt, daß der Präsident Russlands damit die „an seinen eigenen nationalen Interessen“ ausgerichtete Politik verteidigt. Ein Vorgehen, von dem man meinen sollte, daß es normal ist. Nicht so für „den Westen“, der sich weltweit für Ziele einsetzt, bei denen souveräne Nationalstaaten hinderlich zu sein scheinen. Russland legt jedoch immer wieder glaubhaft dar, daß es bei der Verfolgung der international diskutierten Probleme kooperiert. Russland beharrt zwar darauf, daß man sich nicht auf irgendwelche Junktims einlassen wird. Doch auch das ist vernünftig, weil Nägel und Schrauben ja auch nicht mir dem selben Werkzeug ins Holz getrieben werden.

Oder liegt es daran, daß Putin durch Nennung des Versailler Vertrages mit dem Finger auf England, die USA und besonders auf Frankreich zeigt und so Liebesgrüße nach Deutschland sendet?

Verhaftung eines Deutschen während des Ruhrkampfes (1920)

Verhaftung eines Deutschen während des Ruhrkampfes (1923)

Wir wissen nicht, was Nonneman damit meint.

Was wir jedoch wissen, ist, daß es schon im Jahre 1929, während der politischen Auseinandersetzung um den Young-Plan, der jährliche Reparationszahlungen bis 1988 vorsah, dem Vaterland treu ergebene Deutsche gab, die das Unheil kommen sahen und sich offen gegen Hitler stellten.

Advertisements


No Responses Yet to “Liebesgrüße aus Moskau”

  1. Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: